Entwaffnend sportlich

Die Mündung eines Revolvers zeigt auf meine Brust. Der Mann, der sie in seiner rechten Hand hält, schaut mich grimmig und entschlossen an. Eigentlich müsste ich jetzt weiche Knie kriegen und in Panik verfallen. Stattdessen beschließe ich, den Angreifer zu entwaffnen. Der Mann steht direkt vor mir. Ich mache einen Schritt nach links und schlage seinen Unterarm zu seiner Körpermitte, also von mir weg. Ich greife aber gleichzeitig nach dem Lauf der Waffe und ziehe nach unten. Der Hebel fängt an zu wirken, der Mann lässt los. Zusätzlich gebe ich ihm einen Schwinger in die Lebergegend auf seiner rechten Körperhälfte, so dass er vor Schmerz etwas einsackt. Eine Stimme sagt hinter mir:“ Nicht schlecht für den Anfang. Aber der Hebel und der Schlag sollten in einer gemeinsamen fließenden Bewegung kommen.“ Ich drehe mich um und nicke, denke aber: „Fließend? Bei mir fließt noch nix. Bin froh, wenn ich mir die ganze Abfolge überhaupt behalten kann.“

Also, alles halb so schlimm: Die Stimme aus dem Off gehört Bertram, meinem Trainer. Meinem Angreifer Micha geht es gut, mein Schlag in die Leber war nur angedeutet. Er braucht keinen Arzt. Micha ist ein sympathischer Mittvierziger, einen halben Kopf kleiner als ich, der mich jetzt angrinst, wieder ganz entspannt und verlauten läßt: „Dein Hebel hat funktioniert, es hat angefangen weh zu tun, so dass ich nicht mehr festhalten konnte.“ Die Waffe, die ich noch in der Hand halte, sieht zwar einer Magnum Automatik sehr ähnlich, besteht aber aus quietschorangem Gummi. Ich bin also nicht verrückt, dass ich mir einbilde, einen Mann mit Revolver entwaffnen zu können.
Dies ist meine vierte Probeeinheit im Kampfkunstzentrum.

Das meine Hebel anfangen Wirkung zu zeigen, verdanke ich der Anleitung durch Bertram Bechnitz. Er unterrichtet Kung Fu Lu Ho Dao in seinem eigenen Asia Kampfkunst Zentrum in einer mittelhessischen Kleinstadt. Ich bin zu einem vierwöchigen Probetraining mit zwei Einheiten pro Woche hier. Als Teenager, vor gut 25 Jahren war es mein Traum, Kampfsport zu lernen. Ich hatte aber bis jetzt nicht die Gelegenheit dazu. Jetzt erfülle ich mir den Wunsch. Bertram mag das Wort Kampfsport nicht. „Ich unterrichte Selbstverteidigung“,sagt er und sein Gesicht auf dem fast immer ein Lausbubengrinsen spielt, wird ernst, „ Ich zeige den Menschen wie sie sich im Notfall effektiv verteidigen können. Aber ich wünsche jedem, dass er garnicht in so eine Situation kommt.“
Der blonde kurzhaarige Mann, der so groß ist wie ich, erzählt mit großer Selbstsicherheit. Er zerstreut meine Bedenken, ich könne zu alt sein oder zu unfit. „Kung Fu ist effektiv, einfach zu erlernen und für jedes Alter geeignet. Durch das Training wirst du fitter und bekommst mehr Kraft. Aber man sollte sich nicht von dem Wort ‚einfach‘ in die Irre führen lassen: Trainieren muss man trotzdem, um im Ernstfall gut vorbereitet zu sein. Die Techniken müssen so gut sitzen, dass man nicht darüber nachdenken muss. Wenn du erst überlegen musst: Ähem, was mache ich? Treten, schlagen, Schwinger, Gerade, Haken oder offene Handfläche? Wie ging das noch mal alles? Dann kann es schon zu spät sein und du bist kampfunfähig oder tot.“ Jede Bewegung müsse man ungefähr sechshundert Mal üben, bis sie so sitzt, dass man sie automatisch ohne Nachzudenken ausführen kann, fügt er an.

Der Raum, in dem wir trainieren, ist gut drei Meter hoch und mit einer segeltuchähnlichen Decke abgehängt. Der Boden ist mit einem grauen Teppich ausgekleidet, auf dem an zwei Stellen mit heller Farbe zwei Sechsecke markiert sind, die sich später als Traininghilfe für bestimmte Ausweich- oder Angriffsschritte entpuppen. Die eine Seite des Raumes ist mit einer Spiegelwand versehen. In ihr kann man während des Trainings sich selbst korrigieren oder auch mal nach seinen ‚Kollegen‘ schielen, wenn man während der Form einen Hänger hat. An einer anderen der vier Wände hängen mehrere Schwerter in verzierten Scheiden.

Die Trainingseinheit von eineinhalb Stunden leitet Bertram jeweils mit einem ritualisierten Gruß und ein paar Minuten Meditation ein und schließt sie mit dem Gruß ab. Bei der Begrüßung steht Bertram mit dem Rücken zur Spiegelwand und wir in einer Reihe vor ihm. Beide Arme werden auf Schulterhöhe gehoben, die rechte Hand wird zur Faust geballt, die Fläche der linken Hand locker darüber. Dann verneigen wir uns kurz durch leichtes Vorbeugen des Oberkörpers ohne das Gegenüber aus den Augen zu lassen. Dann setzen wir uns auf die schwarzen Meditationskissen, die wir uns vorher geholt und hinter uns abgelegt hatten: Fünf Minuten im Schneider- oder Kniesitz, Augen schließen, ruhig atmen und an nichts denken, kann ganz schön lang werden.

Danach folgt ein Theorieteil von zehn Minuten, den Bertram im Kniesitz abhält. Heute erzählt er uns etwas über Dan Ti, die ‚klebende Hand‘. Es werden verschiedene festgelegte Bewegungen ausgeführt. Dabei muss man am Handgelenk des Trainingspartners bleiben wie mit Sekundenkleber festgeklebt und erspüren, was er als nächstes machen wird. In der Theorie ist es von Bertram schnell erklärt und hört sich leicht an. In der Praxis stellt es sich als ziemlich schwierig heraus.

Dann üben wir die Form. Das ist eine festgelegte Abfolge von Armbewegungen mit Faustschlägen oder Stichen mit der flachen Hand und ausgestreckten Fingern, die an einem Ort stehend ausgeführt werden, zumindest die ersten fünf. Ich lerne durch Nachahmung. Entweder macht der Trainer Bertram die Form vor oder einer der beiden Männer, die auch Kung Fu-Lehrer werden wollen. Sie sind erkennbar an den schwarzen T-Shirts. Wir Frischlinge dürfen nur weiße Shirts tragen. Außerdem gibt es verschiedene Gürtel, die noch mit ein bis drei Bändern versehen werden je höher man in den Schülergraden aufsteigt. Die Gürtelfarben sind in aufsteigender Reihenfolge: grün, blau, braun und schwarz.
Dann üben wir verschiedene Verteidigungs- und Entwaffnungstechniken: Fußtritte, Faustschläge mit und ohne Faustschützer jeweils mit und ohne Partner.

Vor dem Trainingsraum befindet sich ein breiter Flur. An dessen Ende stehen eine barähnliche Konstruktion mit zwei hölzernen Barhockern und drei Tische, an denen wir es uns gemütlich machen können. Es sind die typischen Marmorbistrotische mit gusseisernem Fuß für mehr Standfestigkeit, die man öfter in Kneipen sieht. Um Standfestigkeit geht es auch beim Kung Fu: Wir stehen beim Training häufig mit leicht eingeknickten Knien und nach innen gedrehten Fußspitzen. Man fühlt sich zwar wie ein Idiot und sieht auch wie einer aus, wie ich bei einem Blick in die Spiegelwand feststelle. Aber Bertram meint, dass sei egal, ich solle es ausprobieren. Dann demonstriert er es an einem der anderen Trainierenden: „Micha, stell‘ dich mal normal hin.“ Der Proband tut. Bertram schleicht sich an und schubst ihn unvermittelt. Der Mann torkelt und fällt fast um. Dann soll er sich in geübter Manier hinstellen: Knie eingeknickt und Fußspitzen zueinander. Bertram spielt das gleiche Spiel: Anschleichen und schubsen. Micha steht wie ein Baum und vibriert nur etwas nach. „Na, überzeugt?“ wendet sich Bertram grinsend zu uns. Ich nicke und die Anderen murmeln zustimmend.
Nach dem Training hantiert Bertram hinter der Bar. Da wir die letzte Gruppe des Abends sind, gibt es für jene, die möchten, Tee. Ich möchte fast immer. Dies ist auch die Gelegenheit mit seinen Trainingspartnern noch einmal ins Gespräch zu kommen. Ich fasse den Entschluss wieder zu kommen und genieße den gemütlichen Ausklang des Abends.