Der besondere Tag

Jan entspannte sich. Heute war ein besonderer Tag, weil er Zeit fand unter seinem Lieblingsbaum zu sitzen. Er entspannte sich immer besonders gut im Frühling, wenn die Kirsche blühte und die Äste summten und vibrierten. Er liebte die Insekten: die Bienen und besonders die dicken Hummeln, die aussahen wie fliegende Oliver Hardys und den Baum zum Singen brachten. Ein besonders schönes Exemplar krabbelte auf den Blüten direkt über seinem Kopf herum. Er betrachtete es interessiert und liebevoll. Plötzlich schien es den Halt zu verlieren, zappelte wild mit den silbrigen Flügeln, schoß auf ihn herunter und prallte auf die Mitte seiner Brust. Dann war es verschwunden. Er suchte sein Hemd ab, das sich fest über seinem Bauch spannte. Fand nichts. Er bemerkte erst jetzt, dass er sich heute seltsam fühlte, anders als an anderen Tagen: so dick, gemütlich und pelzig um die Brust. Er fragte sich, warum ihm das nicht vorher aufgefallen war. Lag das an dem kräftigen Sonnenschein oder an dem betörenden Duft der Blüten? Aber sollte er sich solche Gedanken machen an so einem besonderen Tag? Er fuhr sich mit einem seiner sechs Beinchen über den linken Fühler, drehte den Kopf auf dem Chitinhals hin und her, als müsse er überprüfen, dass er auch fest saß, glättete seine Flügel und hob ab. Er ließ sich verführen von den Tausenden Kirschblüten über ihm zu einer Nektarmahlzeit. Warf keinen Blick zurück zu dem seltsamen Wesen, das mit erstarrten Gliedern auf dem Sonnenstuhl lag wie ein totes Insekt.

(Lahntal, den 27.04.2010)