Strafe muss sein

Schlapp – schlapp. – Stille. – Schlipp – schlapp – schlapp. – Stille.

Schlapp – schlipp – schlapp machten die gummibesohlten Schaffilzschuhe auf dem roten Backsteinboden des verglasten Gewächshauses. Die alte Lady ging von Holzständer zu Holzständer zu Holztisch, in der einen Hand die kleine blecherne Gießkanne, in der anderen die Gartenschere. Hier ein welkes Blättchen abzwacken, dort ein bißchen Wasser nachgießen, da ein trockenes Zweiglein abschneiden. Sie liebte ihre Pflanzen. Sie liebte sie fast genauso sehr wie den kleinen schwarz-weißen Spaniel, der jetzt zwischen den Ständern, in einem Anfall von Energieüberschuß, hin- und her- und um sie herumsauste, dass seine zotteligen Schlappohren wie kleine Segel hinter ihm in der Luft standen. Die alte Lady störte das nicht. Sie liebte die Lebendigkeit des Tieres und war die Ruhe selbst. Hochbefriedigt schaute sie über das Meer von Grün mit roten, gelben und violetten Sprenkeln darin, das sich auch im Blick durch die verglasten Wände und die offene Gewächshaustür fortsetzte. Ihre Pflanzen gediehen prächtig und nichts konnte den beschaulichen Anblick und die meditative Stille, die hier herrschte, stören.

Doch das war nicht immer so gewesen. Einmal hatte es einen unschönen Zwischenfall, eine lästige Störung gegeben.
An einem Morgen war die alte Lady kurz nach dem Aufstehen wie immer ‚ihre Lieblinge besuchen‘- gegangen, wie sie es nannte. Schon als sie durch die massive Holzhaustür ihres kleinen Cottages getreten war, hatte sie gespürt, daß etwas nicht stimmte. Irgendetwas war anders als sonst. Eine Aura von Gewalt und Hass umgab den sonnigen Morgen. Sie ging auf ihrem Gartenweg zum Gewächshaus. Es roch sehr stark nach Blumenerde und feuchtem Terrakotta. Im nächsten Moment sah sie es. Einige Scheiben des Gewächshauses waren zertrümmert, die Tür war aufgebrochen und drinnen war das reinste Schlachtfeld. Fast alle Tontöpfe und -schalen lagen zerbrochen am Boden, die Erde, die Blumen und Kräuter verstreut und zertrampelt dazwischen. Die Holzgestelle waren von fremder Hand umgeworfen und teilweise mit roher Gewalt auseinandergerissen worden, dass sie wie Skelette, die Gliedmaßen ganz verdreht, dalagen.
Die alte Lady mußte sich am Türrahmen festhalten, sonst wäre sie ob des jämmerlichen Anblicks, zusammengebrochen. Eine verstohlene Träne wollte sich auf den Weg abwärts über ihre sonst rosige Altfrauenwange machen, aber sie ließ es nicht zu. Dafür weinte ihr Herz umso mehr um die viele Mühe und die lebendigen Wesen, ihre Blumen.
Sie stand eine Weile ganz still – dann straffte sie den Rücken und machte sich an die Arbeit. Jammern war ihre Sache nicht und sie versuchte zu retten, was an Pflanzen zu retten war. In Notsituationen zeigte sich doch immer noch ihr Talent zur Organisation und eine Energie, die man der zierlichen Person auf den ersten Blick nicht zutraute.
Sie räumte das äußere Chaos auf und beseitigte alle Spuren des Einbruchs in ihre Welt. Trotzdem wollte sie die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Sie würde Nachforschungen anstellen. Sie hatte viele Freunde und war trotz ihres zurückgezogenen Lebens beliebt und genoß gesellschaftliches Ansehen in der Stadt.

Doch am Ende half ihr ihr kleiner hündischer Begleiter mehr als alles andere. Der Spaniel hatte nämlich sofort die Witterung der Eindringlinge aufgenommen. Er war fast nicht zu bremsen und wäre wahrscheinlich sofort auf die Straße hinausgestürzt, immer der Fährte nach, wenn die alte Dame ihn nicht zurückgehalten hätte. Doch ihr Pragmatismus zwang sie, nicht überstürzt zu handeln. Nachdem sie alles wieder in ihrer Ordnung hatte, kleidete sie sich erst stadtfein an, setzte ihren kleinen schwarzen Hut auf, nahm die Hundeleine vom Haken hinter der Tür und brach dann auf. Der Hund konnte es nicht erwarten. Kaum dass sie das Gartentürchen geöffnet hatte, rannte er die Straße hinunter. Er schüttelte sich aufgeregt, schaute sich nach seiner Herrin um und als die seiner Meinung nach zu langsam war, kläffte er, als wollte er sagen:“ Mach‘ schon, sonst verlieren wir die Spur!“ Sie aber ließ sich nicht hetzen. Ihre Wanderung führte sie durch die halbe Stadt, immer vorbei an hübschen Cottages mit liebevoll gepflegten Vorgärten, so wie ihr eigenes, genauso wie an riesigen Wohnblocks, deren Häßlichkeit und Anonymität sie abstieß.
Schließlich standen Frau und Hund vor einem großen roten Backsteinhaus. Mittlerweile war es Abend geworden und es dämmerte schon. Diese Tatsache veranlaßte die alte Lady dazu ihre gute Erziehung zu vernachlässigen. Sie zog das schwarze Hütchen fester in die Stirn und betrat das fremde Grundstück ohne vorher auf den Klingelknopf, der groß auf einer der viereckigen Backsteinsäulen am Eingang prangte, zu drücken. Wie ein Dieb, den Spaniel immer bei Fuß, schlich sie unbemerkt ums Haus herum, bis sie an der Hintertür anlangte. Ein schwacher Lichtschein fiel durch den Spalt unter der Tür – es war also jemand zuhause. Das Glück war mit ihr und wollte es, dass das Fenster neben der Tür zum Lüften gekippt war. Sie huschte hinüber und schob den Kopf über den Fenstersims, um einen Blick in das Zimmer zu werfen. Zog ihn aber schnell wieder zurück, denn jetzt hörte sie Gelächter nach draußen dringen. Vorsichtig wagte sie einen zweiten Blick und schaute in eine altmodische Küche. An einem abgewetzten Tisch saßen zwei Menschen in angeregte Unterhaltung vertieft, über ihnen eine ziemlich angestaubte Lampe aus Rattangeflecht, deren Licht einen großen hellen Fleck auf die Tischplatte warf, aber den Rest des Zimmers im Halbdunkel ließ. Es waren eine hagere Frau jenseits der Fünfzig mit tiefen Falten um den Mund, in eine Kittelschürze gekleidet und ein dicklicher Mann mit abstehenden Ohren, den sie auf Anfang Dreißig schätzte. Ihr Gespräch wurde immer wieder durch beider lautes Gelächter unterbrochen, an dem die alte Lady aber nichts Sympatisches finden konnte.
Sie kannte die Frau. Es war ihre Haushaltshilfe. Oder genauer gesagt, ihre ehemalige Haushaltshilfe, die einmal in der Woche zu ihr gekommen war, um zu putzen und andere Arbeiten zu erledigen. Sie hatte sie vor einigen Wochen entlassen, weil sie Geld sparen wollte, denn außer dem Cottage und einer kleinen Rente besaß sie keinerlei Kapital und Dienstpersonal war teuer, wie sie nun festgestellt hatte.
Die alte Lady lauschte in das spärlich beleuchtete Zimmer hinein und konnte das Gespräch der beiden, die sich unbelauscht glaubten, immer besser verstehen. Der dicke Mann meinte gerade mit Näselstimme: „ Na, das haben wir gut hinbekommen. Die wird sich ärgern.“ Und die Frau erwiderte:“ Soll ihr eine Lehre sein, die mit ihrem Pflanzentick!“ und brach wieder in meckerndes Gelächter aus, in das ihr Sohn einstimmte.
Der Spaniel wurde langsam unruhig und fing an vor sich hinzublaffen und zu schnauben. Aus Angst vor dem Entdecktwerden trat die alte Frau den Rückzug an. Doch sie hatte genug gehört und konnte die Niederträchtigkeit der beiden nicht fassen.

Bis jetzt war sie, trotz ihres Zorns, absichtslos gewesen. Fast wie ein Spiel war sie die Sache angegangen, wie es auch ein Spiel für ihren Hund gewesen war. Aber jetzt wurde ein Plan im Kopf der alten Frau geboren. Sie schlich den gleichen Pfad, um das Backsteingebäude herum, zurück auf die Straße und machte sich mit ihrem Hündchen auf den Weg nach Hause. Sie hätte für den Rückweg den Bus nehmen können, aber in der kühler werdenden Abendluft, einen Fuß vor den anderen setzend, ließ es sich gut nachdenken.
Erschöpft, aber befriedigt, kam sie nach Stunden vor ihrer Haustür an und drehte den dicken Schlüssel im Schloss um. Der Entschluß war gefaßt. Sie war nicht reich, war es nie gewesen. Aber sie würde eine große Party geben – die Jahreszeit war passend – und würde Mutter und Sohn auch einladen. Das war ihr die Sache wert. Es würde nicht auffallen, wenn sie ihre ehemalige Angestellte einlud, nein es galt sogar als schick und sozial engagiert. Die Beiden würden eher Aufsehen erregen, wenn sie der Einladung nicht nachkommen würden. Die alte Dame trank in ihrem Wohnzimmer ihren Abendtee mit Kräutern aus dem eigenen Garten, stieg die steilen Treppen zu ihrem Schlafzimmer hoch und fiel, die Zehen im weichen Fell des Spaniels vergraben, der am Fußende des Bettes schon leise schnarchte, in den tiefen Schlaf sorgloser Menschen.

Wochen später war der Abend gekommen und mit ihm die Party in ihrem Haus.
Als Gastgeberin ließ sie kein Sterbenswort über den Einbruch in ihr Gewächshaus unter ihren Gästen verlauten. Nur das ungleiche Mutter-Sohn-Paar ließ sie nicht aus den Augen und meinte ab und an ein boshaftes Glühen in deren Augen zu bemerken, wenn diese miteinander tuschelten. Ihren Hund hatte sie vorsorglich und schweren Herzens im Schlafzimmer eingesperrt.
Es gab ein wundervolles Buffet, das sie mit Hilfe ihrer Nachbarinnen im Wohnzimmer aufgebaut und mit Blumen dekoriert hatte. Der Wein dazu stammte vom stadteigenen Winzer, der zu ihren besseren Bekannten zählte und sie bei solchen Anlässen nie im Stich ließ.
Am späteren Abend servierte sie Kräutertee aus hübschen kleinen Blumentässchen mit Goldrand, zur Verdauung, wie sie sagte. Sie drückte jedem ihrer Gäste persönlich eine Tasse in die Hand und alle bewunderten das Porzellan und ihre Gastfreundlichkeit.
Der Winzer, dessen Leibesfülle und rotnasiges Aussehen seinem Beruf alle Ehre machte, hatte sicher das Seminar für Diplomatie an der Winzerschule verpaßt und rief lauthals hinter der Gastgeberin her:“ Na, meine Liebe, was Sie uns da wohl für Kräuter einflößen!? Nach meinem Wein weiß ich wenigstens, wovon mir der Schädel brummt!“, trank dann aber brav die Tasse leer.
Ab nun ließ die alte Dame ihre ehemalige Angestellte und deren henkelohrigen Sohn keine Sekunde mehr aus dem Blick.
Schon kurze Zeit später wechselte die Gesichtsfarbe des dicklichen Mannes vom Pflaumenblau eines Bluthochdruckpatienten zu Weiß und dann eher ins Grünliche und er beklagte sich über Übelkeit.
Der Winzer, nie um einen Spruch verlegen, meinte gutmütig: „Na, junger Mann, mein Wein ist gut, da trinkt man gerne mal einen zu viel, nicht!“ „ Ja. wahrscheinlich.“ murmelte der Angesprochene abweisend, dessen Gesicht immer grünlicher wurde. Die Gastgeberin war schon herbeigeeilt und griff ihm hilfsbereit unter die Achsel, um ihm vom Sofa hochzuhelfen. „Vielleicht sollten Sie draußen mal ein bißchen Luft schnappen, dann geht es ihnen sicher gleich besser.“ sagte sie freundlich und forderte seine Mutter auf ihr behilflich zu sein. Denn sie wußte, dass dieser im nächsten Moment selbst schlecht werden würde.
Sie hatte hinter dem Gewächshaus, wo man das Grundstück von der Straße und von ihren Nachbarn aus nicht einsehen konnte, schon alles in harter Arbeit vorbereitet. Dort waren zwei mannslange, einen Meter tiefe Gruben ausgehoben. Daneben lagen zwei Holzbretter mit Baumabschnitten und Gartenabfällen bedeckt, die genau auf die Gruben paßten. Dorthin führte die alte Dame die Beiden.

In früheren Jahrhunderten hatte man Lederabfälle, Fett oder Fleischreste, die nicht mehr genießbar waren im Garten vergraben, weil man wußte, dass die den besten Dünger für die Gewächse, die man später darüber pflanzen würde, abgaben. Bestimmte Frauen standen auch in dem Verdacht, verstorbene oder unerwünschte Säuglinge so oder anders zu verwerten.

Sie schob jetzt ihre zwei Gäste, deren beider Gesichtsfarbe an das Innere einer Kiwi erinnerten, vor sich her. Der Mann fing schon an zu röcheln und hielt sich seinen Bauch. Seine hagere Mutter besaß noch die Klarheit, mißtrauisch auf die Gruben zu schauen und japsend zu fragen:“ Was wird hier gespielt?“ bevor sie sich mit einem Schwall in eine der Aushebungen übergab, um dann das Gleichgewicht zu verlieren, mit dem Gesicht in ihrem eigenen Erbrochenen zu landen und sich nicht mehr zu rühren. Gut, sie hatte selbst gewählt. Ihre Gastgeberin dirigierte den Sohn vor die andere Grube, wobei sie ihn schon mehr trug als schob, gab ihm einen kleinen Schubs, er drehte sich noch um die eigene Achse und verstarb im Fallen mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen, bevor er mit dem Rücken den Boden berührte.
Nun ging das gemächliche Tempo der alte Dame in Eile über. Sie nahm die Schaufel, die am Gewächshaus lehnte und schaufelte Erde und einen Teil des Abfalls auf die zwei für immer Bewegungslosen, schob die Bretter darüber, schaufelte den Rest des Abfalls darauf,
drapierte noch ein paar Baumabschnitte, so dass das Ganze jetzt aussah wie ein frischer und perfekter Komposthaufen. Alles weitere würde sie irgendwann heute Nacht und den Rest die Natur erledigen. Sie stand noch einen Moment über den Gruben, um Atem zu schöpfen und ein feines zufriedenes Lächeln spielte dabei um ihre alten Lippen, doch bar jeder Boshaftigkeit.

Dann schritt sie zurück ins Haus. Sie wusch sich schnell die Hände und ging wieder ins Wohnzimmer bevor sie von ihren Gästen vermißt würde.
„Die Heinzels haben beschlossen nach Hause zu fahren.“ sagte sie in die Runde.
Niemand wunderte sich. Es fielen nur ein paar Bemerkungen über die mangelnde Trinkfestigkeit der Beiden. Niemand bemerkte auch die Erde an den schwarzen Lackschuhen der alten Frau. Die Party ging fröhlich weiter. Der Winzer und einige andere hatten angefangen Anekdoten zu erzählen.

So stand die alte Lady nun Jahre später in ihrem Gewächshaus und goß und beschnitt ihre kleinen floralen Freunde, die prächtiger denn je gediehen.
Wenn Besucher zu ihr kamen, zeigte sie diesen mit Gärtnerstolz ihre neuesten Zucht- und Kreuzungsversuche und führte sie im Garten herum. Vor Bewunderung standen die Gäste immer vor den prächtigen Flieder- und Haselbüschen hinter dem Gewächshaus. „Oh.“ und „Ah, wie schön.“ und „Wie machen Sie das nur.“ kam aus ihren Mündern. „Tja,“ sagte sie dann mit der ihr eigenen Zurückhaltung, „ ich tue eben fast alles für meine Pflanzen.“ Dass war so nicht richtig, sie hätte sagen sollen:“ Ich tue alles für meine Pflanzen.“, aber dazu war sie nun doch zu bescheiden.

(26.03.2007)