Die letzten Minuten im Leben eines Straßenköters

Ich schnüffle am Zaun der Walkers. Es riecht nach Bello, Anatevka, nach Katze, die Braune und Gras. Ich heb mein Bein. Dann schnell weiter. Soviel Straße noch. Soviel Zaun. Laternenpfähle. Hydranten. Häuser. Scheunen. So wenig Zeit, soviel zu lesen, zu erschnüffeln, soviele Male das Bein zu heben, um mich selbst zu hinter lassen: Ich war hier. Mich gibt’s noch. Ich bin hinter Euch her, ihr Katzen, Ratten, Vögel. Ich errieche Euch, ihr gut duftenden Hundedamen. Da, plötzlich ein Geruch nach diesen leckeren Schweinereien. Der Metzger ist ein verständnisvoller Mann. Heute gibt’s Schweineleber und eins, zwei Würstchen. Und weiter. Ampel hier. Auto da. Zeitungsjunge mit Steinen, waff waff, schnell weg. Autsch, doch getroffen. Madame Pudel mit altem Frauchen am Ende der Straße. Wie gut sie duftet. Selbst das Schaumbad übertönt nur leicht ihr wildes natürliches Odeur. Wie schön. Schnell mal aufsteigen. Ja – ja – ja… Mist, die Krücke hat mich doch getroffen. Weiter, weiter, nie rasten. Oh, da drüben der Geruch von Rosinenschnecken, Brötchen und Käsestangen raubt mir den Verstand. Der Bäcker mag mich nicht. Seine Verkäuferin, ein junges Ding, das nach Schinken riecht, schon. Vielleicht… mit etwas Schmeichelei… Hopp – hopp – carpe diem den Rinnstein runter – gleich da. Da stoppt mich was in vollem Lauf: Metall, Plastik, Gummi, Schmerz ohne Ende. Irgendwas fließt aus mir raus. Warm und süß und lecker duftend wie beim Schlachthaus. Ein Mann schimpft. Interessiert mich nicht. Mir wird so kalt und dumpf und trüb. Es wummert in mir drinnen, wie bei der Fabrik die Maschinen. Dann bin ich weg. Muss doch weiter, soviel zu tun. Das Licht, das helle Licht tut in den Augen weh. Und tschüss.

(Lahntal, 30.04.2010)

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